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One-Hit-Wonder Videosprechstunde?

„Brandenburgs Ärzte rechnen Zehntausende Videosprechstunden ab“, titelt die Lausitzer Rundschau im Februar auf ihrem Online-Portal. Die COVID-Pandemie sorgt nicht nur bei den Infektionszahlen für ein exponentielles Wachstum, sondern treibt auch die Anzahl der in Brandenburg durchgeführten Videosprechstunden mit mehr als 36.000 Sitzungen bei Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen in nie dagewesene Höhen. Während die Ärzteschaft vor der Pandemie weitgehend auf den digitalen Patientenkontakt verzichtete, konnte sich das Instrument im Verlauf der Krise fest im Versorgungsalltag etablieren! Zumindest, wenn man den Zahlen glaubt. So teilt die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg mit, dass nunmehr 620 Praxen in Brandenburg die notwendigen Voraussetzungen erfüllen. Dass das noch lange nicht ausreicht, um die Videosprechstunde erfolgreich und nachhaltig in den Praxisalltag zu integrieren hat mir Dr. med. Erhard Kiesel, Hausartz in Crinitz erklärt.


Foto von Anna Shvets


Crinitz ist eine kleine Gemeinde im Landkreis Elbe-Elster in Südbrandenburg zwischen Luckau und Calau. Hier arbeitet Dr. med. Erhard Kiesel, praktischer Arzt, Facharzt für Chirurgie, Chirotherapeut und Homöopath als Landarzt und betreut einen Einzugsbereich von ca. 1.500 Menschen. Seine Patient:innen erwarten eine umfassende Versorgung von ihm und so kommt es, dass Herr Dr. Kiesel zum Beispiel auch Frakturen ambulant nachbehandelt. Dafür nehmen der Arzt und die Patient:innen auch lange Wegstrecken in Kauf. Um den enormen Arbeitsaufwand bewältigen zu können, hat Dr. Kiesel in den vergangenen Jahren mehrere innovative Versorgungskonzepte in seinen Praxisalltag integriert. Darunter die Agnes-Schwestern, die ihn, ausgerüstet mit zwei Tablets und einem Laptop, bei Hausbesuchen und beim Case Management unterstützen. Oder die Schwesternsprechstunde, als arztentlastende Maßnahme, in der die Patient:innen optimal auf die Behandlung vorbereitet werden und wichtige Informationen vorab austauschen können. Den Plan, die vorhandene und bei Bedarf erfolgreich genutzte Telefonsprechstunde um eine Videosprechstunde zu erweitern, hatte Dr. Kiesel schon lange, doch erst die mit der COVID-Pandemie einhergehenden Kontaktbeschränkungen im vergangenen Jahr boten den ausschlaggebenden Anlass, seinen Plan auch in die Tat umzusetzen.

Spoiler: Trotz der bevorstehenden dritten Welle bietet Dr. Kiesel heute keine Videosprechstunde mehr an.

Im März 2020 begann der Hausarzt mit der Recherche für eine geeignete Videokonferenz-Software. Anbieter gab es genug, da er aber keine Risiken bei der Integration in die vorhandenen Systeme eingehen wollte, bestellt er die Lösung seines PVS-Anbieters Medatix: „Dann musste es ja klappen“ berichtet Dr. Kiesel. Aufgrund von Lieferengpässen für Bildschirmkameras in China installierte er die Software kurzerhand auf dem Laptop der Agnes-Schwestern. Die notwendige Atmosphäre, sowie die optimale Bild- und Tonqualität stellte der Arzt in einem eigens eingerichteten Sprechstundenraum sicher. Nach zwei Testläufen mit der Praxisschwester und Angehörigen war Herr Dr. Kiesel nach insgesamt zwei Monaten startklar. Technisch gab es keine Probleme!

Die Inbetriebnahme verlief reibungslos, verschlang im laufenden Praxisbetrieb aber mehr Zeit als geplant.

An Fahrt verlor das Unterfangen erst bei der Einbindung der Patient:innen. Diese reagierten verhalten auf das neue Angebot. Insbesondere die jüngeren und mobileren sahen keinen Mehrwert in der Maßnahme und so waren es mehrheitlich ältere Patient:innen, die der Doktor zur Videosprechstunde begrüßte. Sie waren es bereits gewohnt, sich in der Krise via Smartphone und WhatsApp mit ihren Kindern und Enkeln auszutauschen und hatten somit auch keine Berührungsängste mit der Videosprechstunde. Insbesondere für die gemeinsame Auswertung von MRTs, Röntgen- und Laborbefunden sowie von Blutdruckdaten eigneten sich die Videotermine hervorragend. Im Vergleich zur „normalen“ Sprechstunde seien die Online-Auswertungsgespräche fokussierter und effizienter gewesen. Herr Dr. Kiesel fasst zusammen: „Es gibt eine Menge, was man in der Videosprechstunde machen kann!“.

Trotz der positiven Erfahrungen in den Terminen erreichte er innerhalb von vier Monaten nur ca. 10 Patient:innen, die insgesamt 15 Online-Sprechstunden in Anspruch nahmen. Viel zu wenig, als dass sich die zusätzlichen Kosten für die notwendige Software lohnen würden. Es wuchs die Erkenntnis: Ein Selbstläufer ist die Videosprechstunde nicht. Allem Anschein nach reichten seine Bemühungen nicht aus oder sollten die Patient:innen dieses Angebot am Ende doch nicht benötigen? Herr Dr. Kiesel entschied sich, die Videosprechstunde vorerst auszusetzen und seine Erfahrungen einer Bewertung zu unterziehen. Die folgenden Ausführungen geben einige seiner Überlegungen wieder.

"Ein bisschen mehr Schmackes bei der Bewerbung des Angebotes wäre beim zweiten Anlauf schon angebracht!"

1. Unterschätzen Sie niemals die soziale Trägheit

Eigentlich hätte er es wissen müssen und illustriert die soziale Trägheit am Beispiel einer Kur! Schlägt Herr Dr. Kiesel den Patient:innen eine Kur vor, stößt er zuerst immer auf energischen Widerstand. Die Therapie scheint ausgeschlossen: „Wer kümmert sich denn dann um meinen Hund“, hört er dann nicht selten. Beim zweiten Gespräch wird die Kur zumindest in Erwägung gezogen, die Patient:innen sind bereit, Wege zu finden. Beim dritten Treffen legen Patient:in und Arzt dann den Behandlungsplan fest. Wieso sollte es nicht genauso bei der Videosprechstunde sein? Während die Maßnahme bei der ersten Ansprache als unnötig empfunden wird, könnte die Angelegenheit nach erneuten Vorschlägen und einem ersten Test schon ganz anders bewertet werden. Jeder Mensch ist ein Gewohnheitstier und ändert seine Gewohnheiten nur widerwillig.


2. Betten Sie die Videosprechstunde in die Behandlungsprozesse ein

Nicht in jeder Situation bringt die Videosprechstunde einen Nutzen. Ganz im Gegenteil, manchmal verhindert sie sogar eine notwendige Untersuchung. Insbesondere der Ersttermin oder die Aufnahme einer längeren Behandlung sollten von Angesicht zu Angesicht stattfinden, damit sich Ärzt:in und Patient:in besser miteinander vertraut machen können. Dafür sollte man sich einmal die Hand geschüttelt haben. Ebenso sollte bei diffusen Beschwerdebildern ein Vor-Ort-Termin vereinbart werden. Oft werden akute Beschwerden erst nach einem längeren Gespräch thematisiert und dann wie folgt eingeleitet: „Wenn ich schon einmal hier bin, …“. Der persönliche Kontakt bietet einen intimeren Rahmen, in dem ungezwungener miteinander gesprochen wird.

Der größte Nutzen der Videosprechstunde entfaltet sich, wenn keine physiologische Untersuchung vorgenommen werden muss.

Auswertungsgespräche und Kontrolltermine, in denen der Allgemeinzustand des Patienten kontrolliert, Beratungsgespräche zu Impf- oder Igel-Leistungen geführt oder Dosisanpassungen besprochen werden sind Anlässe, die in fast jedem Behandlungsprozess vorkommen und hervorragend in einer Videosprechstunde untergebracht werden können. Diese sollten dann auch konsequent als Online-Termine vorgeschlagen und umgesetzt werden. In der Regel verfügen auch ältere Patient:innen heute über ein internetfähiges Smartphone und können dieses problemlos in der Sprechstunde verwenden.


3. Tun Sie Gutes und sprechen Sie darüber

Bewerben Sie das Angebot! Die Videosprechstunde sollte bei den Patient:innen beworben werden. Das kann mit Hilfe von Hand-outs im Wartezimmer, online auf der Website oder im Rahmen einer Online-Terminvereinbarung geschehen. Auch in der Schwesternsprechstunde kann über die Möglichkeit und die Vorteile der Inanspruchnahme einer Videosprechstunde gesprochen werden. Mit ein wenig Zeit und im offenen Austausch können auch die Patient:innen Umsetzungsvorschläge entwickeln, an die das Praxisteam davor gar nicht gedacht hat. Lassen Sie Ihre Nutzer:innen ruhig mitreden. Bevor sich die Patient:innen auf ein neues Angebot einlassen sollten sie an verschiedenen Stellen darauf aufmerksam gemacht werden und Zeit haben, sich gedanklich mit der Möglichkeit zu befassen.


Wie geht es weiter?

Herr Dr. Kiesel ist davon überzeugt, dass die Videosprechstunde einen festen Platz im Versorgungsalltag finden kann. Ansonsten wird das Instrument nach der Pandemie genauso schnell verschwinden, wie es massenhaft in Einsatz genommen wurde.

Die Videosprechstunde darf kein One-Hit-Wonder der COVID-Pandemie werden.

Deshalb wird er jetzt einen zweiten Anlauf wagen. Jede Maßnahme, mit der er mehr Zeit mit den Patient:innen gewinnt und die Qualität der Behandlung wahrt oder sogar verbessert, möchte er auch nutzen. Die Stichprobe, die er mit seinem ersten Versuchsanlauf genommen hat, ist für eine abschließende Bewertung noch zu klein. Ihn treibt die Erkenntnis an, dass sich der Praxisalltag und die Versorgung immer weiter entwickeln müssen und der Hausarzt der Zukunft auch digital für seine Patientinnen da sein muss. „Auf Google gibt es heute schon zu viel Meinung und zu wenig Wissen, deshalb müssen wir Hausärzte im Internet sichtbarer werden und die Leute auch dort besuchen" gibt er mir am Ende des Gespräches noch mit. Unterstützt wird Herr Dr. Kiesel von seinem Kompagnon, der später, wenn er sich zur Ruhe gesetzt hat, die Praxis allein weiterführen soll und ihn heute schon tatkräftig im Tagesgeschäft und bei der Einführung von digitalen Innovationen unterstützt. Damit legt er schon heute den Grundstein für die Versorgung von morgen!


 

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